Dieser Text ist mit KI entstanden. Ich sage das nicht als Transparenzhinweis am Rand – sondern weil die Ironie dazugehört.
Ich habe mit einem KI-System gearbeitet, das Quellen aufbereitet, Argumente strukturiert und Formulierungen vorgeschlagen hat. Und gleichzeitig schreibe ich über das, was sich nicht automatisieren lässt. Das ist kein Widerspruch, den ich auflösen möchte – es ist eine Spannung, die ich für produktiv halte. Denn die Frage war nie: KI ja oder nein? Die Frage lautet: Wer denkt hier eigentlich – und wer gibt das Denken ab?
Um diese Verschiebung geht es – und um die Frage, welche menschlichen Praktiken ihr standhalten können. Nicht trotz der Beschleunigung, sondern mitten in ihr.
Das Zeitalter der Agenten
Wir befinden uns in einer Phase, die Technologieforschende als Agentic AI bezeichnen. Gemeint ist keine KI, die antwortet, wenn man fragt – sondern eine, die eigenständig plant, handelt und korrigiert. Systeme, die Ziele verfolgen, ohne ständig überwacht zu werden. Das Fraunhofer Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme beschreibt diese Verschiebung als fundamental: weg vom reaktiven Werkzeug hin zum autonomen Akteur.
Die Deutsche Bank skizziert in einem Überblick zu Agentic AI (12/2024), wie weit die Entwicklung bereits reicht: KI-Systeme übernehmen nicht mehr nur einzelne Aufgaben – sie agieren über mehrere Schritte hinweg autonom, korrigieren eigenständig Fehler und interagieren mit anderen Systemen. Als konkretes Beispiel nennt der Artikel den schwedischen Zahlungsanbieter Klarna: Dessen KI-Agent bearbeitete in einem einzigen Monat 2,3 Millionen Kundengespräche – die Arbeit von 700 Vollzeitkräften, bei gleichbleibender Kundenzufriedenheit, 25 Prozent weniger Fehlern und einer durchschnittlichen Bearbeitungszeit von unter zwei Minuten statt bisher elf. Der gesellschaftliche Druck in Richtung Automatisierung, Effizienzsteigerung und kognitiver Auslagerung ist real und wächst.
Man kann das als Fortschritt lesen. Man kann es als Befreiung lesen – Entlastung von Routinearbeit, Rückgewinnung von Zeit. Beides stimmt, unter einer Bedingung: dass wir wissen, was wir mit der gewonnenen Zeit anfangen. Dass wir Räume haben, die nicht ebenfalls optimiert werden.
(Ob KI tatsächlich Zeit spart – oder ob das ständige „Gewinne Zeit mit KI" vor allem ein Versprechen der Hype-Blase ist, hinter dem sich eine unbequeme Wahrheit verbirgt: Menschliche Gründlichkeit lässt sich nicht durch KI-Geschwindigkeit ersetzen. Diesem Mythos gehe ich in einem der nächsten Artikel nach.)
Genau das ist die Frage, die ich nicht loswerde.
Was die Forschung zeigt: Kognitive Schulden
Das MIT Media Lab hat 2025 eine Studie veröffentlicht, die unter dem Titel Your Brain on ChatGPT Aufmerksamkeit erregte. (Anmerkung: Die Studie liegt bislang als Preprint vor und ist noch nicht abschließend peer-reviewed – die Befunde sind gleichwohl bemerkenswert.) 54 Studierende wurden über vier Monate in drei Gruppen aufgeteilt: eine schrieb mit ChatGPT, eine mit Suchmaschinen, eine ohne digitale Unterstützung. EEG-Messungen zeigten: Die KI-Gruppe wies bis zu 55 Prozent reduzierte neuronale Konnektivität auf. Auffälliger noch: 83 Prozent der LLM-Nutzerinnen und -Nutzer konnten im Anschluss nicht aus dem Essay zitieren, das sie gerade verfasst hatten.
Die Forschenden prägten dafür den Begriff cognitive debt – kognitive Schulden. Kurzfristige Entlastung auf Kosten langfristiger kognitiver Fähigkeiten. Besonders beunruhigend: Wenn LLM-Nutzende in einer späteren Sitzung ohne KI schreiben mussten, zeigten sie schwächere neuronale Konnektivität als jene, die nie mit KI gearbeitet hatten. Die frühe Abhängigkeit hemmt offenbar die Entwicklung tiefer kognitiver Fähigkeiten – nicht nur temporär.
Der Befund ist kein Argument gegen KI-Nutzung. Er ist ein Argument für Bewusstsein – für die Frage, was verloren geht, wenn der mühsame Teil dauerhaft ausgelagert wird. Denn dieser mühsame Teil war oft nicht Ballast, sondern der Weg selbst.
Das Individualisierungsproblem: Wenn alle allein unterwegs sind
Bevor wir zu Ritualen kommen, lohnt sich ein Blick auf das, was KI-gestützte Lernumgebungen strukturell verändern.
Jedes Kind hat ein Endgerät. Jede Schülerin bekommt eine individuelle Rückmeldung. Jeder Nutzer seinen eigenen Lernpfad. Das klingt nach personalisierten Lernenden – und in einer bestimmten Lesart ist es das auch.
Aber es gibt eine andere Lesart: Alle sind allein.
Alle sitzen nebeneinander und schauen auf ihre eigenen Bildschirme. Alle erhalten eine Antwort, die nur für sie optimiert ist. Kein geteiltes Scheitern, keine gemeinsame Verwirrung, kein Moment, in dem jemand sagt: „Ich kapiere das auch nicht – und irgendwie ist das beruhigend." Die Individualisierung, die technisch als Stärke verkauft wird, erzeugt soziale Isolation als Nebeneffekt.
KI-Systeme optimieren für das Individuum. Sie können gar nicht anders. Sie kennen keinen Raum, nur Nutzende. Kein Wir, nur ein personalisiertes Ich.
Rituale synchronisieren Menschen
Hier liegt der eigentliche Kern dessen, was Ritualisierung leisten kann – und was meist übersehen wird, wenn man Rituale nur als Stützstruktur für Individuen denkt.
Rituale schaffen keine individuelle Orientierung. Rituale schaffen gemeinsame Wirklichkeit.
Der Ethnologe Arnold van Gennep hat schon 1909 beschrieben, was Rituale fundamental leisten: Sie schützen Übergänge. Sein Konzept der rites de passage gliedert jeden bedeutsamen Wechsel in Trennung, Liminalität und Wiedereingliederung. Der Schwellenzustand – das Zwischen, das Noch-nicht-Definierte – ist der produktivste und gefährlichste Moment zugleich. Rituale machen ihn sozial tragbar – und das entscheidend: gemeinsam tragbar.
Victor Turner, der van Genneps Denken weiterentwickelte, betonte die transformative Kraft dieses Zustands: Rituale erzeugen in der liminalen Phase eine communitas – einen Zustand radikaler Gleichheit und Verbundenheit, der in normalen sozialen Strukturen kaum entsteht. Menschen, die gemeinsam durch Schwellenerfahrungen gehen, entwickeln eine Art Bindung, die sich nicht durch Information herstellen lässt. Man muss sie erlebt haben.
Neuropsychologisch ist die Grundlage für diesen Synchronisationseffekt klar: Forschende des Psychologischen Instituts der Universität Zürich zeigen, dass Menschen Bewegungen mit anderen spontan synchronisieren – und dieser Gleichklang hat messbare Effekte auf interpersonale Bindungen. Synchrones Handeln erhöht Vertrauen, Kooperationsbereitschaft und das Gefühl sozialer Zugehörigkeit. Das Embodiment-Konzept geht noch weiter: Kognition ist verkörpert. Rituale „inkorporieren" Wissen, das anders nicht erworben werden kann.
KI-Systeme können eine Schülerin individuell fördern. Sie können eine kognitive Lücke schließen. Aber sie können nicht den Raum erzeugen, in dem 28 Menschen gemeinsam etwas erleben, gemeinsam scheitern, gemeinsam lachen – und dadurch eine Gruppe werden. Das ist keine sentimentale Nostalgie. Das ist eine Beschreibung von etwas, das Kinder für ihre Entwicklung tatsächlich brauchen.
Resonanz statt Verfügbarkeit
Der Soziologe Hartmut Rosa hat in seiner Resonanztheorie eine Kategorie entwickelt, die für die KI-Debatte erstaunlich präzise ist. Resonanz beschreibt jenen Zustand, in dem zwei Stimmen einander wirklich hören und aufeinander so antworten, dass sie sich berühren lassen – und sich dadurch verändern. Resonanz setzt voraus, dass etwas auf dem Spiel steht. Dass die Begegnung mich verändert, nicht nur informiert.
KI-Systeme antworten. Aber sie werden nicht berührt. Sie haben keine Resonanz, weil Resonanz Wechselseitigkeit und Verletzlichkeit voraussetzt – zwei Eigenschaften, die Maschinen grundsätzlich fehlen.
Rosa diagnostiziert in seinem Buch Situation und Konstellation (2026), dass Algorithmen und KI-Systeme die situationsbedingte Entscheidungsfreiheit des Menschen bedrohen: Die „konstellationsbasierte Logik der Maschinen" ersetzt das situationssensible Abwägen. Das führe zu Frustration und raube Energie. Die Konsequenz, die er zieht: Je mehr Systeme Verfügbarkeit optimieren, desto notwendiger werden Praktiken, die Resonanz ermöglichen – also Rituale, Beziehung, gemeinsames Erleben.
Resonanz entsteht auch in Gruppen – in der geteilten Aufmerksamkeit, in der kollektiven Konzentration, in dem Moment, in dem ein ganzer Raum schweigt, weil gerade etwas passiert. Dieser Moment ist nicht skalierbar. Er entsteht nur, wenn Menschen zusammen sind – und zwar nicht nebeneinander, sondern miteinander.
Was Rituale leisten – anthropologisch gelesen
Der Erziehungswissenschaftler Christoph Wulf (FU Berlin) beschreibt Rituale als unverzichtbare Instrumente der Kulturvermittlung: „Rituale sind ambivalent: Einerseits unterwerfen sie das Individuum einem Kollektiv und üben insofern Zwang aus; andererseits bringen Rituale aber auch Gemeinschaft hervor und stiften so Zugehörigkeit." Seine Kernthese: „Gemeinschaften bilden sich in Ritualen, und Rituale bilden die Teilnehmenden." Das ist keine romantische Aussage – es ist eine pädagogische.
Rituale sind keine vormodernen Relikte. Sie sind anthropologische Grundkonstanten. Jede Gesellschaft kennt sie – in unterschiedlichen Formen, mit unterschiedlichen Inhalten, aber immer mit derselben Funktion: Sie markieren Übergänge, sie stiften Zugehörigkeit, sie schaffen geteilte Wirklichkeit, sie ermöglichen gemeinsames Erleben jenseits der Sprache.
Der Kulturphilosoph Byung-Chul Han hat in seiner Transparenzgesellschaft (2012) einen Gedanken formuliert, der darüber hinausweist: Rituale brauchen Dunkel. Geheimnis. Distanz. Alles, was die Transparenzgesellschaft systematisch liquidiert. Sein Satz „Transparent ist nur das Tote" klingt provokant – trifft aber etwas Wesentliches.
KI-Systeme sind im besten Sinne transparent: Sie liefern, erklären, optimieren. Was sie nicht können: jenen Raum lassen, in dem etwas noch nicht gewusst wird, noch nicht fertig ist, noch nicht entschieden. Rituale leben in diesem Raum. Sie sind nicht effizient. Sie brauchen Zeit, Wiederholung, manchmal Stille. Information erklärt. Die Erzählung verklärt. Das Ritual verbindet.
Das Paradox der Improvisation – Kreativität als kollektiver Rhythmus
Wer Musik macht, kennt diesen Zusammenhang aus eigener Erfahrung: Kreativität entsteht nicht trotz Struktur, sondern durch sie.
Jazz-Improvisation setzt voraus, dass die Skalen verinnerlicht sind – nicht rational abrufbar, sondern körperlich verfügbar. Schott Music beschreibt Improvisation als das „Entstehenlassen von Musik im Moment" – aber einen, der auf inkorporierten Strukturen beruht. Der Philosoph Michael Polanyi nannte das tacit knowledge – stilles, implizites Wissen, das sich nicht durch bloße Informationsübertragung weitergeben lässt. Es entsteht durch Praxis, Wiederholung, Fehler und Rückkopplung.
Aber hier ist etwas, das in der Diskussion über Kreativität und KI fast immer fehlt: Die Improvisation im Jazz ist kein Soloakt. Sie ist ein kollektives Gespräch.
Ein Jazzquartett improvisiert gemeinsam. Der Pianist hört den Kontrabassisten, der Schlagzeuger reagiert auf den Pianisten, der Trompeter greift auf, was entsteht – und gibt etwas zurück, das die anderen dann weiterführen. Jede Note verändert den Raum für die nächste. Niemand weiß vorher, wohin das führt. Und genau das ist der Punkt: Die Kreativität entsteht zwischen den Beteiligten, nicht in einem einzelnen Kopf.
Anders Ericssons Konzept des Deliberate Practice untermauert die individuelle Seite: Weltklasse-Leistungen entstehen nicht durch Talent allein, sondern durch fokussiertes, strukturiertes Üben mit klaren Zielen, unmittelbarem Feedback und stetig steigender Herausforderung. Die MIT-Studie liefert die empirische Kehrseite: LLM-Nutzende produzierten nicht nur weniger individuelle, sondern auch weniger kreative Texte mit geringerer originaler Variation. Wer den mühsamen Weg des eigenen Denkens nicht gegangen ist, kann nicht wirklich improvisieren – weder musikalisch noch schriftlich.
Wer nie im Ensemble gespielt hat – wer nie gelernt hat, zuzuhören und gleichzeitig zu spielen, zu reagieren und gleichzeitig zu gestalten – dem fehlt eine Dimension von Kreativität, die kein Soloüben ersetzen kann. Rituale im Unterricht funktionieren nach diesem Prinzip. Sie sind das kollektive Üben. Der gemeinsame Rhythmus. Das Ensemble, bevor die Improvisation beginnt.
Was das für Schule und Bildung bedeutet
Der Verband Bildung und Erziehung NRW hat anlässlich einer Anhörung der Enquetekommission KI (2025) formuliert: „Die grundlegende pädagogische Arbeit und der soziale Raum Schule dürfen nicht durch Technologien ersetzt werden. KI kann Unterricht bereichern – doch sie wird niemals den direkten Kontakt zwischen Lehrkraft und Lernenden ersetzen können. Gute Bildung bleibt Beziehungsarbeit."
Schule ist, wenn man ehrlich hinschaut, ein rituell verfasstes System. Christoph Wulf und Kollegen haben in einer ethnografischen Studie nachgewiesen: Rituale ermöglichen soziales Lernen und schaffen jene Bildungswirkung, die durch repetitive und performative Rahmung entsteht – nicht durch individuelle Optimierung.
Schule als Synchronisationsraum zu verstehen – das ist kein Gegenentwurf zur KI-Integration. Es ist die Voraussetzung dafür, dass KI-Integration nicht zur Isolation führt.
Wenn alle Schülerinnen und Schüler mit ihren eigenen KI-Assistenten individuell arbeiten, braucht es bewusst gestaltete Momente, in denen die Klasse wieder zur Klasse wird. In denen Erfahrungen geteilt, verglichen, verhandelt werden. In denen jemand etwas sagt und alle gleichzeitig nicken – oder widersprechen. Diese Momente entstehen nicht von selbst. Sie müssen gestaltet werden. Das ist pädagogische Arbeit. Das ist Ritualisierung.
Rosa und Wolfgang Endres haben das Konzept der Resonanzpädagogik entwickelt: Schule als Arena zwischen Resonanz und Entfremdung. Resonanter Unterricht hat keine Blaupause – aber es gibt Möglichkeiten, ihn wahrscheinlicher zu machen. Rituale gehören dazu.
Ein luxemburgischer KI-Kompass für Schulen (2025) formuliert drei Prinzipien: Lernen mit KI. Lernen über KI. Und – das unbequemste – Lernen ohne KI. Dieses dritte Prinzip ist keine Verweigerung und keine Nostalgie. Es ist der Schutz genau jener Fähigkeiten, die durch Auslagerung verkümmern: das eigenständige Denken, die Frustrationstoleranz, die Fähigkeit, im Schwellenzustand auszuharren, ohne sofort nach Antworten zu suchen – und die Fähigkeit, gemeinsam in diesem Zustand zu sein.
Nicht weniger Menschlichkeit – sondern bewusstere
Das eigentliche Argument lautet nicht: Rituale gegen KI. Das wäre zu einfach.
Das Argument lautet: Menschliche Entwicklung braucht Zeit. Und nicht nur Zeit – sie braucht Reibung, Widerstand, das Aushalten von Unfertigem. Wir lernen nicht, weil wir Antworten bekommen. Wir lernen, weil wir Fragen durchhalten. Weil wir uns irren und merken, dass wir uns geirrt haben. Weil wir scheitern, und jemand dabei ist, der das sieht – und uns nicht sofort rettet.
Rituale sind nicht das Gegenteil von Entwicklung. Sie sind ihre Infrastruktur.
Das offene Lehrbuch KI für Lehrkräfte – eine Europarat-nahe Publikation – warnt deutlich: Fast alle AIED-Tools „räumen dem Erinnern Vorrang vor dem Denken und dem Faktenwissen Vorrang vor der kritischen Auseinandersetzung ein und untergraben damit die Handlungsfähigkeit der Lernenden". Rituale und bewusste Übungspraktiken sind demgegenüber Strategien zur Stärkung menschlicher Agency – nicht als Anti-KI-Haltung, sondern als deren notwendige Ergänzung.
Die Gefahr ist nicht, dass KI zu viel kann. Die Gefahr ist, dass wir zu sehr in reaktive Systeme gleiten. Dass wir anfangen, nur noch auf das zu reagieren, was KI-Systeme uns vorschlagen – und dabei verlernen, aus einem eigenen Inneren heraus zu gestalten. Nicht weil die Systeme böse sind. Sondern weil Reaktion einfacher ist als Gestaltung. Und Effizienz einfacher ist als Bildung.
Vielleicht wird im Zeitalter intelligenter Systeme nicht weniger Menschlichkeit gebraucht – sondern bewusstere Menschlichkeit. Menschlichkeit, die sich ihrer selbst bewusst ist. Die weiß, was sie ausmacht. Die nicht zufällig passiert, sondern gepflegt und gestaltet wird.
Das ist keine Forderung nach Rückzug. Es ist eine Einladung zur Klarheit.
Die eigentliche Frage
Ich schreibe diesen Text mit KI-Unterstützung. Ich wähle die Quellen, ich entscheide, was bleibt und was nicht, ich formuliere das Argument, das ich für richtig halte. Das System führt aus. Ich denke. Diese Aufteilung ist kein Selbstbetrug – sie ist das Modell, das ich für produktiv halte.
Aber genau deshalb beschäftigt mich die Frage, was passiert, wenn diese Aufteilung verschwindet. Wenn nicht mehr ich denke und das System ausführt – sondern das System denkt und ich lediglich absegne. Wenn aus dem Ensemble ein Solist mit Playback wird.
„Resonanz bleibt das Versprechen der Moderne, Entfremdung aber ist ihre Realität." — Hartmut Rosa
Rituale sind Resonanztechniken. Sie schaffen die Bedingungen, unter denen Menschen sich berühren lassen können – durch Wiederholung, Körperlichkeit, gemeinsames Erleben, ausgehaltene Liminalität. Und sie tun das nicht nur für Einzelne. Sie tun es für Gruppen. Für Klassen. Für Gemeinschaften.
KI schafft Verfügbarkeit. Rituale schaffen Bedeutung.
KI antwortet dem Individuum. Rituale synchronisieren Menschen.
Beides ist nötig. Aber verwechseln sollte man es nicht.
Diese Fragen beschäftigen mich auch in meiner Keynote beim Futuromundo EDU am 25. Juni 2026 in Stuttgart – dem Bildungsgipfel für Schulen, die im KI-Zeitalter menschliche Handlungsfähigkeit stärken wollen. Falls du hinkommst: ich freue mich auf das Gespräch.
Und falls du diese Fragen regelmäßig begleiten möchtest: Im Newsletter schreibe ich darüber, ohne Toolshow und ohne Hype-Zusammenfassungen – nur Gedanken, die mir wichtig genug sind, um sie aufzuschreiben.
Zum Weiterlesen
- Christoph Wulf: Bildung im Ritual. Schule, Familie, Jugend, Medien (2004), Vs Verlag
- Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung (2016), Suhrkamp
- Hartmut Rosa / Wolfgang Endres: Resonanzpädagogik (2016), Beltz
- Byung-Chul Han: Transparenzgesellschaft (2012), Matthes & Seitz
- Byung-Chul Han: Die Krise der Narration (2023), Matthes & Seitz
- Nataliya Kosmyna et al.: Your Brain on ChatGPT – MIT Media Lab (2025), Preprint
- Arnold van Gennep: Les rites de passage (1909)
- K. Anders Ericsson u.a.: The Role of Deliberate Practice in the Acquisition of Expert Performance (1993), Psychological Review
- Michael Polanyi: The Tacit Dimension (1966), Routledge