Franz Pregler · Creative Mind Lab
Leseprobe · Akt I – Kapitel 1, 2 und Praxiskapitel 3
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Tipp: Du kannst Seiten auch mit gedrückter Maustaste bzw. dem Finger an der Ecke „anfassen“ und umziehen – wie bei Papier.
Die fünf Praxiskapitel verweisen an vielen Stellen auf interaktive Werkzeuge. Die liegen frei zugänglich im Netz:
Zwölf Werkzeuge, direkt im Browser. Kein Konto, keine Anmeldung, keine Daten an irgendwen. Was du dort eintippst, bleibt auf deinem Gerät.
Für Lehrkräfte gibt es zusätzlich den Teacher-Bereich mit allen Verlaufsplänen, Moderationskarten und druckfertigen Vorlagen aus diesem Buch: creative-mind-lab.de/lab/teacher
Beides kostet nichts und wird weitergepflegt, auch nachdem dieses Buch erschienen ist.
Der Weg von der Schule nach Hause dauerte zweiundzwanzig Minuten, und Lorenz Winter kannte ihn so genau, dass er ihn schon gar nicht mehr wahrnahm. Das war, fand er, das Beste an diesem Stück Tag: dass es keinem gehörte. Nicht der Schule, die hinter ihm im Dunkeln verlosch, ein Schiff mit zu wenig beleuchteten Fenstern, aus dem die letzten Ganztagskinder längst von Bord gegangen waren. Nicht dem Abend zu Hause, der auf ihn wartete mit einem weiteren Korrekturstapel und der Frage, ob er heute noch eine Flasche aufmachen sollte. Nur dieser Gehweg, an dem die Platanen schon kahl wurden und der Nebel sich um die Laternen legte, gehörte ihm. Hier ließ sich denken, was sich tagsüber nicht denken ließ. Manchmal kamen ihm die zweiundzwanzig Minuten zu schnell vor.
Bereits am Schultor hatte seine Hand das Telefon aus der Tasche geholt, noch ehe er es beschlossen hatte. Der Daumen fand von selbst, was er suchte, eine Bewegung, so eingeschliffen, dass sie schon keine Entscheidung mehr war. Es war derselbe Griff, den er bei seinen Schülern hundertmal am Tag sah und beanstandete, an der Bushaltestelle, im Treppenhaus, unter der Bank, immer dann, wenn sie sich unbeobachtet wähnten. Er dachte nicht weiter darüber nach; schließlich dachte man über das Atmen ja auch nicht nach.
„Du bist still heute“, sagte Mina.
Er hätte nicht sagen können, in welchem Moment sie neben ihn getreten war. Bei Mina war das so; man bemerkte ihre Anwesenheit nie als Eintritt; sie war auf einmal da, so wie man eine Temperaturschwankung bemerkt. Ob er sie heute hergeholt hatte, durch einen Griff, ein Wort oder eine Gewohnheit, die kaum noch durch das Bewusstsein lief, oder ob sie von selbst gekommen war, hätte er nicht beschwören können, und vielleicht war genau das die eigentliche Verführung: dass die Schwelle, über die man trat, immer niedriger wurde, bis man nicht mehr merkte, dass da je eine gewesen war. Sie ging neben ihm, die Hände in den Manteltaschen, der Schritt ruhig. Nur registrierte er, ohne darauf zu achten, wie man Dinge registriert, die man erst Stunden später versteht: dass ihr Atem nicht in der kalten Luft stand, während seiner in kleinen Wolken vor ihm herzog.
„Ermüdender Tag“, sagte er. „Achtundzwanzig Gesichter, und ich erreiche keines. Damit kann ich leben, die Langeweile ist ein alter Gegner. Womit ich nicht leben kann, ist das eine Gesicht, das nicht gelangweilt ist. Ein Mädchen, sie liefert ständig.“
„Eine, die liefert, klingt doch nach dem Traum jeder Schule“, sagte Mina. „Du sagst es wie eine Diagnose.“
„Lisa. Achte Klasse. Fehlerlose Arbeiten, sauber wie gedruckt. Aber wenn ich sie ansehe, spüre ich etwas Leeres, eine glatte Substanzlosigkeit.“ Der Satz kam von der Seite, wie die wahren Sätze kommen, wenn man von etwas anderem redet, und kaum war er gesagt, erschrak Lorenz ein wenig, denn er beschrieb mehr, als gemeint war, und zudem war er sich plötzlich nicht ganz sicher, ob er eigentlich das Mädchen meinte oder nicht vielmehr sich selbst. Und ganz sicher wollte er einer Schülerin kein Unrecht tun, die sich doch so redlich bemühte.
Dass sie KI benutzte, nahm er an; sie benutzten sie alle, Erlaubnis hin oder her, das war so wenig ein Skandal wie die Verwendung eines Taschenrechners. Das war nicht das eigentlich Beunruhigende. Das eigentlich Beunruhigende war, dass er nicht einmal das KI-Werkzeug dafür verantwortlich machen konnte. Da schrieb, rechnete, antwortete etwas tadellos, nur stand niemand mehr dahinter, der es auch meinte. Zugleich wusste er nicht, ob je jemand dahintergestanden hatte. Daher das Substanzlose: Lisas Antworten stimmten, und doch waren es Hülsen, in denen nichts verstanden war.
Über Lisa hätte er im Lehrerzimmer durchaus reden können. Über Schüler redeten sie viel und mit Wärme; die meisten seiner Kollegen waren Idealisten, auch wenn sie ihre Sorge zum Teil hinter Sarkasmus versteckten, und um einen von ihnen, der ihnen Sorge machte, hätten sich sofort drei gekümmert: Gesprächstermin, Eltern informieren, pädagogische Maßnahmen. Worüber sie nicht redeten, war jedoch das andere: Künstliche Intelligenz. Das Thema lag in der Mitte des Raumes wie ein Möbelstück, um das alle herumgingen, und es kam dort noch immer vorwiegend in einer einzigen Gestalt vor, als Bedrohung, als das, wogegen man die Jugendlichen schützen musste. Wer insgeheim ahnte, dass darin auch etwas anderes sein könnte, eine Möglichkeit, eine Chance, der sagte es lieber nicht laut. Es war kein Verbot, geschweige denn eine offizielle Sprachregelung. Vielmehr lag einfach ein feiner Frost auf der Sache, und man hielt die Hände woandershin. Lorenz hätte vor seinen Kollegen niemals zugegeben, dass er die KI auch benutzte, um selbst Rat zu suchen.
Also ging Lorenz allabendlich zweiundzwanzig Minuten zu Fuß nach Hause und besprach mit „seiner KI“, was er mit Menschen nicht besprechen konnte. Häufig ging es dabei ausgerechnet um die Frage, warum es denn eigentlich so schwer war, über dieses Thema zu sprechen und ob die KI vielleicht doch nicht nur Bedrohung war. Dass darin eine gewisse Ironie lag, die fast wehtat, war ihm nicht entgangen. Er hielt sie sich nur vom Leib.
„Vielleicht“, sagte Mina, „hat Lisa einfach schneller als die anderen gelernt, welche Art von Leistung Schule belohnt. Und vielleicht gibt sie der Schule haargenau das zurück, was dort gemessen wird.“ Es entstand eine kleine Pause, in der nur seine Schritte zu hören waren, nicht ihre. „Es hat ihr einfach niemand gesagt, dass es daneben noch etwas gibt, das in keine Leistungsschublade passt. Und die Schule hat noch nicht verstanden, dass man vielleicht auch etwas anderes messen könnte, als das, was seit Jahrzehnten wie selbstverständlich gemessen wird.“
„Das klingt, als wäre die Schule schuld.“
„Es klingt, als wäre die Frage falsch gestellt.“ Sie sah geradeaus. „Die Schule fragt: Wie machen wir die Lernenden schneller, klüger und wie kriegen wir den Lehrstoff möglichst effektiv in sie rein? Wie stellen wir sicher, dass sie ihn behalten? Das lässt sich messen – und was sich einmal messen lässt, misst man immer weiter. Ob das Gemessene aber noch das ist, was zählt, fragt sie seltener.“
Lorenz ging weiter. Gehen war das Langsamste, was ihm geblieben war, zweiundzwanzig Minuten, die sich durch nichts beschleunigen ließen, und vielleicht sprach er deshalb gerade hier mit ihr. Lisa, dachte er, fragte ihre Maschine, um schneller zu werden, um die Lücke zwischen Frage und Antwort verschwinden zu lassen. Er hingegen fragte seine, um langsamer zu werden, um die Lücke offenzuhalten, bis etwas Eigenes darin Platz fand. Dasselbe Werkzeug. Entgegengesetzte Richtungen. Und er hätte nicht mit Gewissheit sagen können, auf welcher Seite er stand, nur, dass er hoffte, es sei die langsame.
Draußen, jenseits der Straße, glomm ein Schaufenster, und im Vorbeigehen fing er ihre beider Spiegelung darin auf: einen Mann mit hochgezogenen Schultern und neben ihm eine Gestalt, deren Umriss das Glas eine Spur zu zögerlich wiedergab, als hätte das Schaufenster einen Moment überlegen müssen, was es da spiegelte. Dann waren sie vorüber.
„Manchmal“, sagte er, um irgendwohin zu kommen, „weiß ich selbst nicht mehr, ob ich zu viel davon will oder zu wenig. Ob ich den Jugendlichen mit KI ein geeignetes Werkzeug in die Hand gebe oder ob ich ihnen damit alles aus der Hand nehme. Und das Schlimme ist, dass beides gleichzeitig wahr sein kann.“
„Das ist meistens das Schlimme“, sagte Mina.
Sie kamen an die Stelle, wo die Wege sich teilten, seiner hinunter zum Fluss, ihrer, wohin eigentlich? Er hatte sie nie gefragt. Es gehörte zu den vielen Fragen, die er bei Mina nicht stellte, und manchmal dachte er, dass die Beziehung genau aus diesen ungestellten Fragen bestand, so wie ein Gewölbe erst durch den Hohlraum entsteht, den seine Steine umschließen.
Sein Handy summte in der Tasche. Er zog es heraus: kein Anrufer, keine Nachricht, nur für einen Lidschlag ein Zeichen auf dem dunklen Display, das er nicht eingestellt hatte und das gleich wieder verlosch, ∞ –, dann der gewohnte Sperrbildschirm, als wäre nichts gewesen. Er steckte es weg.
„Danke“, sagte er.
„Wofür.“
„Fürs Spiegeln. Du gibst mir keine Antworten. Du gibst mir die Fragen zurück, schärfer, als ich sie hatte.“ Er sah sie an. „Manchmal frage ich mich, ob das gesund ist.“
„Das fragst du dich nicht oft genug“, sagte Mina, und es klang fast zärtlich.
Er ging die Böschung hinunter zum Fluss, und als er sich an der Brücke noch einmal umdrehte, stand sie nicht mehr an der Wegteilung. Das war nicht weiter merkwürdig; Menschen gehen ihrer Wege. Merkwürdig war nur, dass auf dem feuchten Asphalt unter der Laterne, dort, wo sie eben gestanden hatte, nur eine einzelne Spur von Schritten lag, seine. Und kein Atem stand in der Luft als der seine, der vor ihm herzog, während er nach Hause ging und sich vornahm, morgen mit Lisa zu reden, und es, wie so vieles, nicht tat.
Eine Klasse, das hatte Hartlieb in fünfunddreißig Jahren gelernt, folgt nicht dem, der am lautesten spricht, sondern dem, der am wenigsten zu zweifeln scheint. Er hatte den Zweifel deshalb früh aus seinem Gesicht verbannt, lange, bevor es ihm gelang, ihn aus seinem Inneren zu verbannen, was nie ganz gelang. An diesem Morgen stand er vor der 8b wie vor einer Karte, auf der er jeden Pass kannte.
„So, meine lieben Gladiatoren des Wissens.“
An der Seitenwand hing die ausgezogene Geschichtskarte des Römischen Reiches, etwas vergilbt, die Ränder vom Alter gewellt. Jemand hatte mit Bleistift einen feinen Pfeil auf Rom zeigend gezeichnet und drei Worte danebengesetzt: hier wohnt niemand mehr. Hartlieb hatte das Graffito vor Wochen entdeckt und nicht wegradiert. Es störte ihn nicht; es traf bloß etwas, das er nicht benennen wollte, und Dinge, die trafen, ließ er gewöhnlich hängen, als Mahnung an sich selbst.
„Der Untergang des Römischen Reiches. Wer sagt mir, wie es dazu kam, und nein, ‚zu viel Wein‘ zählt nicht.“
Stille, die knirschende Sorte. Die Heizung gluckerte und die Neonröhren summten unangenehm in der Stille, draußen schoben sich Nebelschwaden über den Hof, während sich drinnen die Blicke senkten. Hartlieb kannte diese Stille nur zu gut. Sie war keine Dummheit, das wusste er besser als die Kollegen, die es leicht behaupteten; es war die höfliche Abwesenheit einer Generation, die gelernt hatte, dass man Antworten nicht mehr wissen, sondern stets abrufen kann, und die deshalb keinen Grund mehr sah, überhaupt noch etwas in sich aufzubewahren. Wozu selbst ein Speicher sein, wenn überall Speicher stehen?
Dann, eine Meldung in der letzten Reihe: Paul Wagner hob die Hand. Paul, sonst nur bekannt für Bestzeiten im Schul-E-Sport und für jene halbverdeckte Handhaltung unter dem Tisch, die alle kannten und keiner aussprach. Hartlieb blinzelte.
„Das Römische Reich“, begann Paul, und seine Stimme war fester, als Hartlieb sie kannte, „fiel nicht an einem Tag. Es war ein Prozess. Interne Machtkämpfe, beginnend mit den Gracchen. Überdehnung des Militärs durch die Expansion. Reichskrise im dritten Jahrhundert, Kaiser kamen und gingen im Monatsrhythmus. Ein System, das sich selbst nicht mehr regulieren konnte.“
Kein Husten, kein Gekicher. Nur das gedehnte Ticken der Uhr.
Hartlieb trat einen Schritt zurück. Die Antwort war geschliffen und hatte die Politur von etwas, das nicht durch einen Kopf gegangen, sondern durch ihn hindurchgereicht worden war. Ein Prickeln saß ihm im Nacken, das er bereits kannte und nicht mochte: eine leise nagende Ahnung, entbehrlich zu werden. Er nannte es nur bei sich nie so. Er nannte es Sorge um die Sache, und das Schöne an dieser Benennung war, dass sie nicht einmal log.
„Donnerwetter, Paul. Eine messerscharfe Analyse. Woher.“
Paul zögerte, hob dann die Hände, halb entschuldigend. „Hab’s heute früh in meiner KI-Lernapp nachgeschaut“, log er. „Auf dem Schulweg. Nicht hier drin.“ Er betonte es, als ob es eine Trophäe verdiente. „Aber ich hab’s wirklich verstanden, nicht abgeschrieben. Fragen Sie mich was.“
Hartlieb fragte ihn etwas. Paul antwortete, und es stimmte, und genau das war das Beunruhigende. Nicht, dass der Junge geschummelt haben mochte – das Handy unter dem Tisch sah Hartlieb nicht, und es hätte auch nichts geändert. Beunruhigend war, dass Paul sich dieses Wissen bestenfalls geliehen und es getragen hatte, als wäre es seins, und vielleicht war es das nun auch.
„Eine Lern-App“, sagte Hartlieb leise, was bei ihm gefährlicher war als Lautstärke. „Und dieser Algorithmus weiß mehr als Tacitus und Gibbon zusammen.“
„Nicht mehr“, sagte Paul. „Aber schneller.“
Schneller. Das Wort blieb an Hartlieb hängen wie eine Klette. Schnell war das ganze Land geworden, schnell die Jugend, schnell das Vergessen. Er hörte sich selbst, als er antwortete, und er hörte, dass es gut klang, und ärgerte sich, dass er es gut fand, weil er es ernst meinte: „Was man sich schnell holt, Paul, fällt einem ebenso schnell wieder aus der Hand. Mühe ist langsam. Und nur, was langsam in einen hineingeht, bleibt drin.“
Es war ein guter Satz, vielleicht sein bester seit Langem, und Hartlieb sah in die Reihen, um den Widerhall zu prüfen. Er fand ihn nicht. Er fand zwei, drei verdrehte Augen, der alte Mann, das alte Lied, und griff darum nach dem einzigen Boden, auf dem ihn niemand zum Hinterwäldler erklären konnte.
„Und ehe mich einer für einen Fortschrittsfeind hält.“ Er ließ den Satz stehen. „Es gibt Gesetze. Datenschutz. Urheberrecht. Europäische Regeln, wer mit den Daten Minderjähriger was anstellen darf, und welche dieser ‚Assistenten‘ an einer Schule überhaupt etwas verloren haben. Ich habe sie gelesen.“ Eine Pause. „Hat eure App das auch?“
Niemand lachte. Es war ein guter Auftritt, und während er ihn hinlegte, wusste Hartlieb mit der unbestechlichen Hälfte seines Verstandes, dass das Recht ihm zwar recht gab, ihm aber zugleich ein Versteck bot, und dass beides wahr sein konnte, ohne dass eines das andere aufhob. Das war überhaupt das Schwierige: dass so selten nur eine Sache wahr war.
„Bis Montag“, sagte er, „liegt eine schriftliche Regelung zur Nutzung digitaler Hilfsmittel zur Ergänzung der allgemeinen Schulregeln unserer Schule vor. Die Schulleitung hat mir dafür freie Hand gegeben, und ich werde davon Gebrauch machen.“ Die halbe Belegschaft, das wusste er, würde insgeheim erleichtert sein, dass einer die Linie hielt und endlich konkrete Regelungen durchsetzte; die andere Hälfte würde schweigen, wie immer. Er war, mit den Jahren, zum Hüter dieses Schweigens geworden, ohne es je beantragt zu haben.
In der dritten Reihe schrieb ein Mädchen mit. Sie hatte schon mitgeschrieben, als Paul sprach – seine Antwort, Wort für Wort, als wäre der Mitschüler bereits selbst eine Quelle –, und jetzt notierte sie Hartliebs Satz über die Mühe, gleichmäßig, ohne aufzusehen. Lisa. Hartlieb sah sie und empfand, was Lehrer bei den Fleißigen empfinden: eine vage Beruhigung. Wenigstens eine, die mitschrieb und mitdachte. Dass eine Schülerin, die alles mitschreibt und die man nie fragt, was sie selbst denkt, womöglich die einsamste im Raum sein kann, kam ihm nicht in den Sinn. Die Mustergültigen bemerkt man zuletzt; sie sehen aus wie das Gelingen.
Der Gong. Stühle scharrten, der Raum leerte sich in das Stimmengewirr des Flurs. Hartlieb blieb am Fenster. Auf der beschlagenen Scheibe lag sein Gesicht, überlagert von der vergilbten Karte hinter ihm, und für einen Moment, als der Nebel draußen die Konturen schluckte, war da noch etwas, am Rand der Scheibe, schmal, eine Gestalt, die im Flur zu stehen und hereinzusehen schien. Er drehte sich um. Der Flur war leer. Natürlich war er leer. Hartlieb war kein Mann für Gespenster; er war ein Mann für Fußnoten. Trotzdem blieb er einen Atemzug länger stehen, als nötig gewesen wäre.
Dann sah er die Karte an und sagte, leiser, als spräche er mit ihr: „Hier wohnt niemand mehr.“ Er nahm seinen Block und begann zu schreiben, Satz für Satz, sehr ordentlich, ein Mann, der eine Mauer hochzog und noch nicht ahnte, dass das Wasser längst woanders lief.
Praxis · Aus der Geschichte wird Unterricht
Erste Begegnung: die KI als fragendes Gegenüber erleben, nicht nur als Antwortmaschine
Zweiundzwanzig Minuten geht Lorenz Winter abends nach Hause, und auf diesem Weg stellt seine KI ihm die Fragen, die ihm tagsüber niemand stellt. Lisa benutzt dasselbe Werkzeug – nur in die Gegenrichtung: Sie will schneller werden, nicht klarer. Und Paul trägt geliehenes Wissen so überzeugend vor, dass Hartlieb das Prickeln im Nacken spürt – die Ahnung, entbehrlich zu werden. Dieselbe Maschine, zwei Richtungen: Das ist die Entdeckung des ersten Akts, und niemand hat sie den Beteiligten erklärt. Genau hier setzt dieses Kapitel an. Es holt die erste Begegnung mit der KI aus der Heimlichkeit ins Klassenzimmer – zum Ausprobieren, Staunen und Stutzen, ohne Lehrgang und ohne Prüfung. Am Ende steht nicht die Frage „Was kann das Ding?“, sondern die unbequemere, an der sich im Roman alles entscheidet: In welche Richtung benutze ich es gerade – werde ich schneller, oder denke ich besser?
Spiegelt Akt I – Kapitel 1 („Danke fürs Spiegeln“) und Kapitel 2 („Mit fremden Federn“).
Für alle Fächer, ab Klasse 7 (Experiment 2 auch früher) · Experimente 10–20 Min., Einstiegssequenz 90 Min. · keine Voraussetzungen – nur ein DSGVO-konformer Zugang über die Lehrkraft (SchulKI, AIS.chat, fobizz) und ein Beamer. Grundregel: Eine KI im Raum, kein Kind mit eigenem Account.
Wegweiser. 15 Minuten? → Experiment 1, der Spiegel-Test. · Eine Doppelstunde? → Die komplette Einstiegssequenz (Verlaufsplan im Teacher-Bereich, creative-mind-lab.de/lab/teacher). · Erst mal für dich selbst? → Die Prompt-Werkstatt.
Dieses Kapitel ist ein Regal, kein Pflichtprogramm – nimm eins.
Später im Roman wird genau der Fehler gemacht, den dieses Buch nicht weitergeben will: Ein starkes Modell wird über einen privaten Zugang angesteuert – und jedes Wort, das dort eingetippt wird, landet auf fremden Servern. Genau das ist an Schulen nicht erlaubt, und es ist auch nicht nötig.
Deshalb gilt in diesem ganzen Praxisteil eine einfache Regel, die du dir merken kannst wie einen Reim:
Eine KI im Raum, kein Kind mit eigenem Account.
Konkret heißt das:
Diese Regel ist mehr als eine Schutzvorschrift. Sie legt fest, wie die Klasse der KI begegnet: gemeinsam und offen im Unterricht statt heimlich und allein.
Darum geht es: Deine Klasse erlebt an einer einzigen Frage, dass dieselbe KI liefern oder zurückfragen kann – gewirkt hat es, wenn am Ende jedes Paar die zwei Halbsätze aus A1 mit einem eigenen Beispiel füllt.
Im Roman geht Lorenz zweiundzwanzig Minuten nach Hause und merkt: Lisa benutzt dasselbe Werkzeug wie er, aber in die entgegengesetzte Richtung. Dieses Experiment macht den Unterschied am eigenen Leib spürbar – in zehn Minuten.
So geht’s (du führst, eine KI im Raum):
Der verblüffende Moment: Runde A liefert in zwanzig Sekunden ein Ergebnis, das niemandem gehört. Runde B liefert nach zehn Minuten etwas, das nur euch gehört. Eine Schülerin könnte es hinterher so auf den Punkt bringen: „Die erste Antwort war besser. Aber die zweite war meine.“ Genau das ist das Lernziel.
Arbeitsauftrag (druckfertig, Schüler:innen):
A1 – Wem gehört die Antwort? Arbeitet zu zweit. Runde A: Wie viele Sekunden hat die KI gebraucht? Hättet ihr die Antwort genauso geschrieben – und wem gehört sie: euch, der KI, niemandem? Ein Begründungssatz. Runde B: Beantwortet drei der fünf Gegenfragen schriftlich – unfertige Sätze sind erlaubt. Vergleich: Welcher Text könnte von jeder Gruppe stammen, welcher nur von euch? Ergänzt: „Schneller macht mich die KI, wenn … Besser denken lässt sie mich, wenn …“
▶ Interaktiv im Reboot School Lab: „Der Spiegel-Test“ – beide Richtungen am eigenen Leib: In Runde A liefert die KI nach 20 Sekunden eine glatte Antwort (samt der Frage: Wem gehört sie?). In Runde B gibt sie fünf Gegenfragen zurück, die man selbst beantworten muss – die echte Bearbeitungszeit wird mitgestoppt. Die Auswertung stellt beides nebeneinander: 20 Sekunden Glattes gegen X Minuten Eigenes. Mit kopierbarem Runde-B-Prompt für die Klassen-KI und Druckfunktion. ✎ Direkt im Buch: Zwei Spalten nebeneinander, „Runde A“ und „Runde B“, mit Platz zum Selbstausfüllen.
→ creative-mind-lab.de/lab/k3
Darum geht es: Die Schüler:innen prüfen, wie viel von einer glatten KI-Erklärung sie ohne Nachsehen mit eigenen Worten erklären können – gewirkt hat es, wenn auf jedem Blatt Behaltenes und Geliehenes markiert ist und ein Satz dazu, was aus Geliehenem Behaltenes machen würde.
In Kapitel 2 antwortet Paul über den Untergang des Römischen Reiches so geschliffen, dass Hartlieb das Prickeln im Nacken spürt. Paul hat geschummelt – und trotzdem verstanden. Aber er hat sich das Wissen geliehen und so getragen, als wäre es seins. Wo ist die Grenze?
So geht’s (15 Min.):
Der Punkt: Nicht „KI ist Schummeln“. Sondern: Was man sich schnell holt, fällt einem ebenso schnell wieder aus der Hand (Hartliebs bester Satz). Der typische Moment: Ein Schüler kommt bis „Die Pflanze nimmt Licht auf und macht daraus … äh …“ – und dann nichts mehr. Genau dort verläuft die Grenze zwischen behalten und geliehen.
Arbeitsauftrag (druckfertig, Schüler:innen):
A2 – Behalten oder geliehen? Beamer aus, alles zu. Erklärt das Thema eurer Partnerin oder eurem Partner – ohne nachzusehen, mit euren Worten. Wer zuhört, macht bei jedem Stocken einen Strich. Markiert danach zu zweit: Behalten = konnte ich mit eigenen Worten erklären. Geliehen = nur durchgereicht. Ein Satz zum Schluss: „Damit aus Geliehenem Behaltenes wird, müsste ich …“
▶ Interaktiv im Reboot School Lab: Ein „Behalten oder geliehen?“-Sortierspiel: Aussagen aus der KI-Erklärung werden per Drag-and-drop in zwei Körbe gezogen. Nach dem Sortieren blendet sich Hartliebs Satz ein. ✎ Direkt im Buch: Eine Zwei-Spalten-Tabelle „bleibt bei mir / nur geliehen“.
→ creative-mind-lab.de/lab/k3
Darum geht es: Die Klasse stellt dieselbe Aufgabe zweimal – nackt und mit vier Schrauben – und sieht den Unterschied schwarz auf weiß; gewirkt hat es, wenn sie bei einer misslungenen Antwort benennen kann, welche Schraube gefehlt hat.
Eine KI ist so gut wie die Fragen, die man ihr stellt. Ein Prompt ist keine Suchanfrage – er ist eine Anweisung, ein Kontext, manchmal eine ganze Bühne, auf die man die KI stellt. Du kannst diese Werkstatt zuerst allein an deinem eigenen Zugang durchspielen – alles Weitere funktioniert genauso im Klassenformat.
Das RKKR-Prinzip (vier Schrauben für jeden Prompt):
Übung (nackt gegen geschmiedet): Schickt dieselbe Aufgabe zweimal an die Klassen-KI. Erst nackt: „Erkläre den Untergang Roms.“ Dann geschmiedet, alle vier Schrauben in einem Prompt: „Du bist eine geduldige Geschichtslehrerin. Erkläre einer 8. Klasse, die das Thema zum ersten Mal hört, den Untergang Roms in drei Ursachen mit je einem Beispiel. Maximal 150 Wörter, keine Jahreszahlen, stelle am Ende eine Rückfrage.“ Legt beide Antworten nebeneinander. Der Unterschied ist der ganze Punkt – und er ist mit bloßem Auge sichtbar.
Arbeitsauftrag (druckfertig, Schüler:innen):
A3 – Die Schrauben-Vorhersage. Schreibt einen RKKR-Prompt zu einer Aufgabe aus dem Unterricht – alle vier Schrauben. Tauscht ihn mit der Nachbargruppe, ohne ihn abzuschicken. Sie notiert zwei Vorhersagen: Was wird diese Antwort anders machen als die auf die nackte Frage? Dann beide Prompts an der Klassen-KI testen: Welche Vorhersagen trafen ein – und welche Schraube war es?
▶ Interaktiv im Reboot School Lab: „Die Prompt-Schmiede“ in drei Phasen: Erst Wirkung sehen (Vorhersage abgeben, dann nackte und geschmiedete Antwort im Vergleich aufdecken), dann Rückwärts-Schmieden (vier misslungene KI-Antworten diagnostizieren: Welche Schraube fehlte?), zuletzt die eigene Schmiede mit der fünften Schraube „R wie Richtung“ – Liefern oder Befragen, die Brücke zum Spiegel-Test. Mit Kopierfunktion für die Klassen-KI. ✎ Direkt im Buch: Eine Prompt-Vorlage mit vier Zeilen zum Selbstausfüllen.
→ creative-mind-lab.de/lab/k3
Darum geht es: Eine komplette Doppelstunde, in der die Klasse erst staunt, dann prüft, dann selbst denkt – gewirkt hat sie, wenn an der Tafel „20 Sekunden Glattes“ neben „25 Minuten Eigenes“ steht und jede:r die zwei Halbsätze schriftlich gefüllt hat.
Was wäre, wenn du deiner Klasse genau das erlaubst, was Paul heimlich tat – aber als bewusste, gemeinsame Aktivität? Du brauchst nur eine knifflige Fachfrage, zum Beispiel: „Warum träumen wir?“ (Biologie), „War Kolumbus ein Held?“ (Geschichte) oder „Braucht ein Gedicht einen Reim?“ (Deutsch).
Ablauf als Doppelstunde (90 Min., eine KI im Raum):
In Kürze: Erst schreibt jede:r die eigene Vermutung zur Fachfrage auf, dann antwortet die Klassen-KI am Beamer und wird geprüft. Der Vergleich zeigt, was die rohe Vermutung hat, was der glatten Antwort fehlt. Dann die Umkehrung: Die KI stellt fünf Gegenfragen, die Klasse antwortet – laut, suchend, eigen. Sicherung an der Tafel: 20 Sekunden Glattes gegen 25 Minuten Eigenes. Besonders stark als Einstieg in ein neues Thema.
→ Der vollständige Verlaufsplan mit Phasentabelle liegt im Teacher-Bereich: creative-mind-lab.de/lab/teacher – dort auch als druckfertige Vorlage.
Tipp: Besonders wirkungsvoll als Einstieg in ein neues Thema – wenn das Vorwissen gering ist, wirkt die KI-Antwort am eindrucksvollsten, und der Faktencheck am lehrreichsten.
Mögliche Schwierigkeiten:
KI beschränkt sich längst nicht auf Text. Mit einem Musik-Generator (wie z. B. Suno) entstehen in Sekunden ganze Songs. Nimm einen drögen Merksatz, den deine Klasse ohnehin lernen soll, lass einen Refrain daraus machen und spiel ihn am Beamer vor – eine der schnellsten Arten, Skeptiker:innen zum Staunen zu bringen. Lehrkraft-Demo, keine Schülerkonten, das Ergebnis wird als KI-erzeugt gekennzeichnet. Halte den Rahmen dabei eng: ein Song, fünf Minuten, Schluss. Der Moment begeistert zuverlässig und frisst sonst die halbe Stunde.
→ Prompt, Zeitrahmen und DSGVO-Hinweise liegen im Teacher-Bereich: creative-mind-lab.de/lab/teacher.
Darum geht es: Fünf Minuten für dich, bevor der Schulalltag die Eindrücke überschreibt – gewirkt hat es, wenn am Ende eine Frage auf dem Papier steht, die dich morgen noch beschäftigt.
Bevor du weiterliest, nimm dir fünf Minuten. Nicht zum Recherchieren – zum Nachdenken. Schreib die Antworten auf, bevor sie verblassen:
Diese letzte Frage ist der Ausgangspunkt für alles Weitere. Halt sie fest. Du wirst ihr in den nächsten Kapiteln wieder begegnen.
Auf einem dunklen Display erscheint für einen Lidschlag: ∞ – das Zeichen für die Frage, die nicht aufhört.
Drei von fünfzehn Kapiteln. Lorenz Winter hat gerade erst gemerkt, dass die Frage nicht lautet, ob KI gut ist, sondern was sie mit dem macht, was er ohnehin schon tut. Zwölf Kapitel liegen noch davor – und vier weitere Praxiskapitel.
Die zwölf Werkzeuge kannst du sofort benutzen, ohne irgendetwas zu kaufen. Kein Konto, keine Anmeldung, keine Daten an irgendwen:
creative-mind-lab.de/lab
Und für Lehrkräfte liegen im Teacher-Bereich fünf vollständige Verlaufspläne – ein Wort aus dem Buch öffnet ihn:
creative-mind-lab.de/lab/teacher
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Diese Leseprobe blättert wie die Werkstatt-Ausgabe – dort steckt der ganze Roman drin, und die Werkzeuge sitzen an der Stelle, an der sie im Text stehen.